Porta Westfalica stellt sich einer grausamen Vergangenheit
„Hier leben die Toten“
„Am 20. September 1944 kamen dänische Häftlinge mit einem Zug im KZ Außenlager Porta Westfalica an. Von hier aus marschierten die Häftlinge zu Fuß über eine Brücke und erreichten bald einen schönen Fachwerkbau mit einem kleinen Turm: Das Hotel Kaiserhof. Man dachte sich, dass die Zustände HIER ja nicht so schlimm seien konnten, wenn man Häftlinge in einem Hotel übernachten ließ. Die Häftlinge sollten aber in einem verkommenen Festsaal untergebracht werden.“ Der Häftling Jørgen Kieler erinnerte sich daran, wie die Gruppe an einer weißen Wand vorbeiging, an der die lateinischen Worte gepinselt standen: „Hier leben die Toten.“
Stille herrscht nicht nur während des Vortrags von Kurator Jens-Christian Hansen aus Dänemark – bei allen Vorträgen der Zeitzeugen und Nachfahren von Kriegsopfern war es still im Saal des Gemeindehauses Barkhausen. Jeder Teilnehmer hört aufmerksam zu, versucht zu verstehen, was niemals zu begreifen ist. Manch einer fasst sich aus Beklemmung an den Hals, der Schluckreflex setzt ein oder er wischt sich die Tränen aus seinen Augen. Es ist ein bewegender Tag. Ein Tag voller Emotionen von Trauer, Mitgefühl und Scham – aber auch von Freude, Zusammenkunft und Austausch. Keiner mag das Geschehene wirklich verstehen, aber alle haben sich getroffen, um darüber zu reden, zu berichten und der Nachwelt Erinnerungen zu hinterlassen.
„Wer nicht erinnert, der vergisst“, zitiert Bürgermeister Bernd Hedtmann das Kriegsopfer Pierre Bleton. Der Vorsitzender des KZ-Gedenkvereins gibt in seiner Ansprache zu verstehen: „Erstmals geben wir den Geschehnissen offenen Raum. In Porta Westfalica haben wir lange gebraucht, um den Schritt in die Öffentlichkeit zu machen, länger als die meisten Städte.“ Er endet mit belegter Stimme: „Ich möchte Ihnen versichern, dass ich persönlich den vor Jahren eingeschlagenen Weg weitergehen werde.“ Trotz der schweren Last und traurigen Geschichten, herrscht auch eine fröhliche Stimmung unter den Teilnehmern. Ein Wille zum Austausch und des Verstehens. „ Diese Veranstaltung war mehr als gelungen,“ resümiert Babette Lissner von der Stadt Porta und Organisatorin der Tagung: „Ich danke allen Helferinnen und Helfern, auch dem THW und der Freiwilligen Feuerwehr, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre und bin von der Bereitschaft so vieler Menschen, die das ganze Wochenende gestaltet haben, völlig gerührt.“
70 Jahre nach Kriegsende stellt sich Porta Westfalica zusammen mit Nachfahren von Kriegsopfern, Zeitzeugen, Historikern und Bürgern den grausamen Taten, die in der Stadt geschehen sind. Vom 18. März 1944 bis zur Befreiung im April 1945 wurden etwa 3300 Frauen und Männer unter menschenunwürdigen Bedingungen in drei KZ-Außenlagern in Porta Westfalica interniert. Die Behandlung der Häftlinge war brutal. Viele wurden durch Schläge getötet, oft aus reiner Willkür. Die Lager waren trotz klirrender Kälte unzureichend geheizt, die Nahrung spärlich für die schwere Arbeit. Oft kam es zu hungerbedingtem Durchfall, der weitere Todesopfer forderte. Die Frauen wurden in einem Lager am Frettholzweg interniert.
Eine der Häftlinge war Olga Permutter. Ihre Tochter, Diana Gigi aus Australien, hielt einen zu Tränen rührenden Vortrag: „Meine Mutter verlor alle Würde und Respekt, verhungerte fast und verlor ihre ganze Familie, auch die, die hätte sein können. Aber sie hat überlebt und ich bin stolz auf sie. Ich weiß, meine Mutter hat keinen Hass. Sie hat vergeben, aber nie vergessen. Sie ist für mich ein Vorbild. Sie war eine liebende Person und so wie ein Mensch sein sollte.“ Auch Wojciech Strózyk aus Polen berichtet über seinen Großvater und ehemaligen Häftling: „Die Häftlinge sollten in einer unterirdischen, neunstöckigen Fabrik arbeiten. Sie gingen jeden Tag in Fünferreihen bis zur Brücke. Danach fuhren sie einige Hundert Meter hoch auf eine Plattform. Dort gab es den Stolleneingang und von dort fuhr man nach unten. Mein Opa berichtete nicht viel über Porta Westfalica. Er erwähnte aber, dass dieser Ort äußerst schön gelegen war. Mit 38 kg bei 175 cm Größe ist er dem Tod entkommen.“ Die schwere Arbeit im Stollen war für die völlig unterernährten Häftlinge auszehrend, entkräftend und letzten Endes tödlich – „Vernichtung durch Arbeit“. Zwölf Stunden täglich wurde Schutt aus dem kalten Stollen geschleppt, nur leicht bekleidet mit gestreifter Häftlingskleidung. Einige haben es überlebt und erzählen uns nun von Grausamkeiten, die nie wieder passieren dürfen.
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Titelfoto: Jochen Sunderbrink