Karl-Friedrich Lihra meint...

Karl-Friedrich Lihra meint…

Weihnachten

Montag war ein Tag, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Ich saß am späten Nachmittag mit meiner Frau bei Schneetreiben, gewärmt von Heizstrahlern, vor einem Café in Timmendorfer Strand und trank einen Glühwein. Rings um uns her strahlte die Weihnachtsbeleuchtung.

Es sollen angeblich 150.000 Lichter sein, die den Ort strahlen lassen. Am Tisch neben uns saß eine Dame, in eine Decke gehüllt, und trank ein Glas Wein. Wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte uns, sie lebe in Kanada und wäre Journalistin. Vor vielen Jahren sei sie aus Deutschland ausgewandert und würde dort auf dem Land, zusammen mit ihrem Vater, weitab von einer Stadt wohnen. Die nächste Stadt, wo man einkaufen könne, wäre 60 Kilometer weit entfernt. Man müsse im Winter schon alles gut planen, damit man in Notfällen drei Wochen leben könne. In Deutschland wäre sie zurzeit, da die Zeitung, für die sie schreibt, sie auf die Reise geschickt hätte. Sie solle über Weihnachten in Europa schreiben. Auch über Deutschland.

Der zweite Grund zum Nachdenken kam am Abend. Ich schaute mit meiner Frau den letzten Teil der Serie „Club der roten Bänder“. Vielleicht haben Sie diese Serie ebenfalls gesehen. Sie handelt von jungen Menschen, die in ihrer Jugend an Krebs erkrankt sind. Es wäre zu viel des Guten, jetzt alles noch einmal zu erzählen. Um es kurz zu machen: diesen jungen Menschen wird alles unwichtig, was sonst jungen Leuten wichtig ist. Was zählt ist eines: ihre Freundschaft – bis zum Tod des Hauptdarstellers und darüber hinaus.
Kommen wir zu dem Gespräch mit der Journalistin zurück. Sie sagte uns: was ich auf dieser Reise erlebt habe, lässt mich nachdenklich werden. Überfluss im westlichen Europa, wo man hinschaut. Sie sagte: „Ich meine nicht diese wunderschönen weihnachtlichen Beleuchtungen in den Städten. Ich meine nicht die Gemütlichkeit, oder wie der Däne sagt „hyggelig“. Ein Wort dafür findet man in der englischen Sprache nicht. Ich meine auch nicht die Besinnlichkeit. Auch dafür gibt es im englischen kein Wort. Und ich meine nicht die Tradition hier in Deutschland. Das alles ist wunderschön. Ich meine den wirklichen Überfluss. Alles haben zu wollen. Mit nichts zufrieden zu sein. Die wirklichen Werte nicht mehr zu erkennen. Das ist furchtbar. Wir müssen zurück zu den Wurzeln.“

Ja, darüber habe ich lange nachgedacht. Ich kann mich an ein Weihnachtsfest erinnern, da wurden die anwesenden Kinder mit Geschenken überhäuft. Von den Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel. Die Geschenke wurden achtlos aufgerissen, auf die Erde gelegt, sogar geworfen, wenn es nicht gefiel, und das nächste Päckchen aufgerissen. Der Wert konnten von den Kindern gar nicht mehr erkannt werden, es gab ja so viel. Mich hat das damals sehr traurig gemacht, nein, ich habe mich geärgert. Da war keine Gemütlichkeit mehr, es war nicht hyggelig. Nein, schon fast gruselig.

Ganz anders in der Serie am Montag. Die Jugendlichen wurden mit dem Tod konfrontiert. Für sie zählten nur die wesentlichen Dinge des Lebens. Zusammenhalt, Freundschaft. Sie stellten sich selbst hintenan. Ihre Wünsche. Nur ihr Freund, der vom Krankenhaus austherapierrt war, zählte. Sie taten alles für ihn. Pflegten ihn, so gut sie konnten. Werte wie Freundschaft, Gemeinsinn, Liebe hatten oberste Priorität. Und er gab ihnen auf dem Totenbett mit seinem Vermächtnis alles zurück. Brachte sie auf den richtigen Weg für ihr späteres Leben.
In einer Woche ist Weihnachten. Wir hasten durch die Läden um letzte Geschenke zu besorgen, deren Wert vielleicht gar nicht anerkannt wird. Was wird Heilig Abend sein? Friede auf Erden, wenigstens in den Familien? Lassen Sie uns zur Ruhe kommen. Lassen Sie uns alle die wirklichen Werte wieder erkennen. Freundschaft, Liebe, Anerkennung. Das ist es, was wir am nötigsten brauchen. Der Rest ist Beiwerk, nicht mehr. Was zählt sind Sie und ich. Es wäre schön, wenn die Journalistin dieses mit nach Hause nehmen könnte um dort in ihrem Weihnachtsartikel zu schreiben: In Deutschland ist es Gemütlich. Es herrscht Friede und Freude in den Familien. Traditionen sind noch etwas wert. Deutschland ist lebens- und liebenswert.