Karl-Friedrich Lihra meint...

Karl-Friedrich Lihra meint…

Und wie geht`s weiter?

Nein, es brennen keine Mülltonnen in Minden. Es ziehen keine marodierenden Banden durch die Straßen. Das öffentliche Leben ist nicht zusammengebrochen. Kinder gehen zur Schule. An der Frischetheke gibt es eine Scheibe Wurst. Alles wie immer. Minden wird nicht zu einem Ort von Finsternis, nur weil es beim Übergang von einer Regierung zur nächsten mal ein bisschen holpert.

Alles wie immer? Etwas ist anders in diesem Jahr gewesen. Es ist keine existenzielle Angst, die sich breitmacht, eher ein sanftes, diffuses Unwohlsein. Kleine Irritationen möchte ich es einmal nennen. Das hat auch nichts mit der letzten Wahl zu tun. Nein, es ist die Richtung, in die Minden sich entwickelt. Der Mindener hat die Dinge gern geregelt. Erledigt. Abgehakt. Die Entwicklung in der Obermarktpassage zum Beispiel. Einen Haken hinter machen. Erledigt. Ist es aber nicht. Das neue Geschäftshaus am Scharn. Abhaken. Erledigt. Ist es aber nicht. Viele Dinge ungeregelt. Was ist, wenn die Teileigentümer des Rathauses den Neubau stilllegen lassen? Nichts ist geregelt. Der Fahrstuhl an der Martinitreppe. Minden muss Ungewissheit ertragen. Das fühlt sich fremd an. Ungewohnt. In Minden läuft es schon seit einiger Zeit nicht mehr reibungslos.

Natürlich, auf einem soliden Fundament richten kleine Erdbeben keine Schäden an. Aber Ungewissheit zu ertragen gehört nicht zu den klassischen Mindener Tugenden. Ohne Fahrplan auf Reisen, ohne Tagesordnung ins Meeting? Das ist dem Mindener suspekt. Die vielen ungelösten Dinge in unserer Stadt können Ängste auslösen, erzeugen Stress. Wird das Baby gesund sein, wird die Firma schließen, bekomme ich den neuen Job, bestehe ich das Abitur, zahlt die Versicherung? Wovon werde ich im Alter leben?

„Wir blicken so gern in die Zukunft“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe, weil wir stille Wünsche so gern zu unseren Gunsten heranleiten möchten.“ Tatsächlich sind schlimme Gewissheit oft leichter auszuhalten als ein Leben zwischen Hoffnung und Angst. Dem Mindenern wird viel Ungewissheit zugemutet. Ist das richtig, dass am Filetstück von Minden ein Woolworth-Laden entsteht? Benötigt Minden genau gegenüber einen weiteren Drogeriemarkt, statt ein paar neuer Läden, die Anziehungspunkte für die Region werden? Ist es überhaupt richtig, eine neue Mehrzweckhalle zu bauen, wenn man doch eigentlich weiß, dass das finanzielle Risiko zu hoch ist? Was wird man am alten Güterbahnhof noch alles im Erdreich finden und wer übernimmt die Kosten? In der Wirtschaft gibt es nur einen größeren Gegner als die Konkurrenz: bloß nicht im Gewohnten einrichten.

Ungewissheit kann auch etwas Positives sein. Auch einer positiven Überraschung geht ja Ungewissheit voraus, etwa beim Kitzel des Geschenkeöffnens zu Weihnachten. Nicht Gewissheit ist die Normalität, sondern Ungewissheit. Die neuen Erfahrungen bei der Regierungsbildung in Deutschland können etwas Gutes in sich bergen: die Erkenntnis, dass Ungewissheiten aushaltbar und überwindbar sind. So auch in Minden: eine in Routine erstarrte Stadt mit Politik und Verwaltung, die sich aus Angst vor Neuem, siehe Obermarktpassage, Großkino, Neubauten am Scharn, etc., jeder Möglichkeit beraubt, Erfahrungen zu machen, kann sich nicht entwickeln.