Immer weniger Ärzte auf dem Land

Immer weniger Ärzte auf dem Land

Hausärzte im Mühlenkreis werden immer älter

Die Dichte und Altersstruktur der Hausärzte macht der Politik in OWL schon länger Sorgen. Denn die Hausärzte in ländlichen Gebieten werden immer weniger, die vorhandenen Ärzte werden älter und werden bald pensioniert – doch junge Nachfolger sind selten in Sicht. Auch wenn in Minden-Lübbecke der deckende Versorgungsgrad an Hausärzten noch geleistet ist – von den vorhandenen Ärzten sind viele 60 Jahre und älter.

Ärztliche Bedarfsplanung
„Wie viele Ärzte benötigt werden, legt die ärztliche Bedarfsplanung fest“, erklärt Jens Flintrop, Pressesprecher der KassenärztlichenVereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Dabei werde zwischen vier Versorgungsebenen unterschieden; die hausärztliche Versorgung werde über Mittelbereiche geplant. Der gemeinsame Bundesausschuss legt eine Verhältniszahl, also das Verhältnis von Einwohnern je Arzt, fest. Anhand dieser kann man auf einer Über- oder Unterversorgung der Region schließen. Bundesweit liegt die Versorgungszahl bei 1670 Einwohnern pro Hausarzt. „Die hausärztliche Versorgung in den Mittelbereichen Minden mit 112,8 Prozent und Petershagen mit 96,1 Prozent ist noch stabil“, berichtet Flintrop. Ab einem statistischem Versorgungsgrad von 110 Prozent spreche man von einer Überversorgung, ab unter 75 Prozent könne man von einer Unterversorgung sprechen. In Petershagen kommt auf 1710 Einwohner ein Hausarzt; im Mittelbereich Minden sind es 1393 Einwohner. Größere Sorgen aber bereite der KVWL die Altersstruktur der Hausärzte: Rund 40 Prozent der im Kreisgebiet niedergelassenen Ärzte seien älter als 60 Jahre. Das bedeute, dass sie in den nächsten Jahren Nachfolger suchen müssen, was sich angesichts der schwierigen Ausbildungssituation aber problematisch gestalten könnte, erklärt Jens Flintrop weiter.

Jens Flintrop, Pressesprecher der KVWL: ,,Die Altersstruktur der Ärzte bereitet uns Sorgen."

Jens Flintrop, Pressesprecher der KVWL: ,,Die Altersstruktur der Ärzte bereitet uns Sorgen.“

Was tun gegen drohenden Ärztemangel?
Die KVWL führe ein Förderverzeichnis, welches als Frühwarnsystem verstanden werden könne, so Flintrop weiter. Daran könne die KVWL erkennen, wo aufgrund von Altersstruktur und Versorgungsdichte zukünftig Probleme auftreten könnten. Ärzte, die sich in betroffenen Gebieten niederlassen würden, können bei der KVWL Anträge auf Unterstützungsmaßnahmen stellen. So solle eine Unterversorgung frühzeitig vermieden, die Altersstruktur verbessert und der Versorgungsgrad erhöht werden. Zudem habe die KVWL bereits 2014 die Nachwuchskampagne „Praxisstart“ auf den Weg gebracht. So wird im Rahmen dieser Kampagne mit Medizinstudenten in der Region über ihre beruflichen Perspektiven gesprochen und sogar eine Seminarreihe zum Thema „Wege in die Niederlassung“ angeboten. Auch die Mühlenkreiskliniken, die am Campus OWL seit 2016 Medizinstudierende ausbilden, bieten zahlreiche Promotionsstellen zur Erlangung des Doktor-Grades in dieser Region an. Pressesprecher Christian Busse berichtet, dass der Campus OWL ebenfalls die Bindung der jungen Mediziner zu den einzelnen Kliniken und der Region stärken wolle. Die Studierenden hätten die Möglichkeit, sich nach der Erlangung des Doktorgrades auf Assistenzarztstellen im Mühlenkreis zu bewerben und ihre Facharztausbildung hier in der Region zu absolvieren. Zudem existiere ein breites Netz an Lehrpraxen mit besonders geschulten niedergelassenen Allgemeinmedizinern, welche die Berechtigung hätten, Praktika und auch die Ausbildung zum Facharzt Allgemeinmedizin anbieten zu dürfen. „Jungen Medizinern müssen vor allem gute Angebote gemacht werden. Dort, wo sie gute Strukturen und Arbeitsbedingungen vorfinden, werden sie heimisch und langfristig praktizieren“, erklärt Christian Busse. In Windheim beispielsweise hat sich vor gut drei Jahren Dr. Alexander Blume niedergelassen. Blume arbeitete vorher als Arzt in Berlin. Auf Miku-Anfrage erklärt Dr. Blume, dass es eine persönliche Entscheidung gewesen sei, sich auf dem Land niederzulassen. Man habe eine andere Beziehung zu den Patienten im Dorf. Dennoch gebe es auch einiges, was gegen eine Niederlassung auf dem Land spreche, unter anderem die mangelnde Infrastruktur. „Doch die Vorteile überwiegen“, so Dr. Blume weiter. Der Job als Landarzt sei mehr als nur eine Berufung. Mit einer Niederlassung auf dem Land seien auch immer wirtschaftliche Risiken verbunden, es gebe weder eine geregelte Woche oder ein festes Gehalt, dafür aber viel Verantwortung.

Dr. Alexander Blume, Hausarzt in Windheim: ,,Der Job als Landarzt ist mehr als nur Berufung."

Dr. Alexander Blume, Hausarzt in Windheim: ,,Der Job als Landarzt ist mehr als nur Berufung.“

Die geplante Landarztquote
Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung beschlossene „Masterplan Medizinstudium 2020“ sieht unter anderem vor, den einzelnen Bundesländern die Möglichkeit auf Einführung einer „Landarztquote“ zu ermöglichen. NRW-Gesundheitsminister Laumann möchte diese bis zum Wintersemester 2018/19 einführen. Die Quote sieht vor, zehn Prozent der Studienplätze für Medizin vorab an Bewerber zu vergeben, die sich verpflichten nach Abschluss des Studiums und der Weiterbildung für weitere zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in unterversorgten oder bedrohten ländlichen Gebieten tätig zu sein. Doch die Quote wird auch kritisch gesehen. „Landarztquoten können nur dann hilfreich sein, wenn sie helfen, bestimmte Regionen interessanter zu machen. Mit Zwangsmaßnahmen wird man Mediziner in ländlichen Regionen nicht halten können“, erklärt Christian Busse. Auch Dr. Blume hält wenig von der Landarztquote. „Man muss die Tätigkeit an sich interessant machen, dazu zählt in erster Linie eine planbare Bezahlung, die im derzeitigen System nicht erreichbar ist“. Unter anderem liege das daran, dass Leistungen für Kassenpatienten nur quotiert bezahlt werden, die endgültige Bezahlung aber erst in der Abrechnung Monate später festgelegt werde. Würde seitens der Politik eine anständige Bezahlung garantiert werden, würden sich auch mehr junge Mediziner in ländlichen Gebieten niederlassen, so Dr. Blume. „Da muss sich dringend was tun. Ein ,gezwungener‘ Arzt per Quote wird nie dieselbe Leistung erbringen.“

Christian Busse, Pressesprecher der Mühlenkreiskliniken: ,,Mit Zwangsmaßnahmen wird man Mediziner in ländlichen Regionen nicht halten können."

Christian Busse, Pressesprecher der Mühlenkreiskliniken: ,,Mit Zwangsmaßnahmen wird man Mediziner in ländlichen Regionen nicht halten können.“