Bunte Blocks

Bunte Blocks

Der Mindener Stadtteil Bärenkämpen im Porträt

Bärenkämpen, das ist ein Stadtteil mit großzügigen Parkanlagen, inhabergeführten Geschäften und einem bunten Bevölkerungsmix. Bärenkämpen ist aber auch ein Quartier mit sozialen Problemen und schlechtem Leumund. Viele Mindener verbinden den Bezirk mit Armut und Kriminalität. Der MiKu lässt Akteure und Zahlen sprechen.

Als es Dieter Kühl und seine Frau 1976 nach Bärenkämpen zog, war der Stadtteil nur unwesentlich älter als ihre beiden kleinen Kinder. Die Kühls hatten zuvor nie von dem Quartier gehört. Die Familie kam aus Hannover. Die Edeka lockte sie sie mit lukrativen Jobs nach Minden. Die Kinder sind inzwischen längst ausgezogen und haben eigene Familien gegründet – in Hannover. Dieter Kühl und seine Frau wohnen immer noch in ihrem Einfamilienhaus in Bärenkämpen. Der 79-Jährige ist seit 20 Jahren Ortsvorsteher von Bärenkämpen. Von 1994 bis 2004 saß er als SPD-Stadtverordneter im Rat und im Bezirksausschuss der Stadt Minden. Er hat miterlebt, wie in Bärenkämpen graue Wohnblocks auf grüne Wiesen gebaut wurden, um günstigen Wohnraum zu schaffen. Für die vielen neuen Arbeitsmigranten aus Ost- und Südeuropa, aber auch für die britischen Besatzungskräfte, die zu jener Zeit noch zahlreich in Minden stationiert waren. Er hat miterlebt, wie sich russische und türkische Nachbarn zankten und wie die britische Militärpolizei anrückte und ihre angeschickerten Landsmänner einsackte, weil diese sich auf offener Straße geprügelt haben. Dieter Kühl weiß, dass viele Menschen in Bärenkämpen Sozialleistungen beziehen und kein Deutsch sprechen – damals wie heute. Vermutlich rühre daher das Unbehagen, das der Name Bärenkämpen bei vielen Mindenern auslöse, sagt der Ortsvorsteher. „Dabei sind die sozialen Probleme bei uns nicht stärker als in Rodenbeck, Königstor oder am Rechten Weserufer. Trotzdem verbinden die Mindener Bärenkämpen mit mehr Armut und mehr Kriminalität“, klagt Kühl.

Mitten in Bärenkämpen, umgeben von Spitzahornbäumen und aufgespannten Wäscheleinen, unterhält die Polizei Minden-Lübbecke eine Bezirksdienststelle. Dieser Außenposten sei keineswegs entstanden, weil Bärenkämpen so gefährlich sei, versichert Polizeisprecher Ralf Steinmeyer. „Wir wollen einfach nur zusätzliche Anlaufstellen für die Bürger schaffen. Weitere Beispiele sind die Stadtwache, oder unsere Büros im Grille-Park und in Hille.“ Laut der Polizei bewegt sich das Kriminalitätsgeschehen in Bärenkämpen auf einem normalen bis leicht erhöhten Niveau, verglichen mit anderen Mindener Stadtteilen. Auch die Deliktsarten seien die gleichen – wie überall gehe es vornehmlich um Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Diebstähle. Die Bewohner seien sicherer, als es ihnen das eigene Gefühl und das Image ihres Stadtteils oft weismachen wollen. „Aus unserer Sicht leidet Bärenkämpen unter einem schlechten Ruf, der aus früheren Jahren stammt. Damals war die soziale Struktur eine andere als heute. Zudem waren die baulichen Gegebenheiten nicht so ansprechend wie aktuell. Hier hat sich mittlerweile viel getan. Wohnraum wurde renoviert und aus Mietwohnungen wurde Eigentum“, erzählt Steinmeyer.

Die Wohnhaus saniert und renovierte in den vergangenen Jahren 550 Wohnungen in Bärenkämpen.

Trotzdem gibt es in Bärenkämpen immer noch mehr Miet- als Eigentumsverhältnisse als in anderen Mindener Stadtteilen. Eine Standardwohnung zwischen 50 und 64 Quadratmeter kostet in Bärenkämpen durchschnittlich 5,27 Euro pro Quadratmeter. Die meisten Mietwohnungen liegen in den Händen der Wohnhaus, dem größten Vermieter in Minden. Über 550 Wohnungen in Bärenkämpen hat die Wohnhaus seit 2012 energetisch saniert und renoviert. Grauen Blocks wurden neue Anstriche verpasst. Spricht Eugen Pankratz von Bärenkämpen, gerät er ins Schwärmen. Für den Geschäftsführer der Wohnhaus Minden besitzt der Stadtteil unschätzbare Vorteile: Die innenstadtnahe Lage direkt am Mittellandkanal, die gute Nahversorgung, Grün- und Erholungsgürtel – und nicht zuletzt ordentliche Nachbarschaften. „Wir investieren massiv, weil wir an Bärenkämpen glauben und als zukunftsfähiges Wohngebiet mit viel Potenzial ausgemacht haben“, erklärt Pankratz. Die neuen Wohnumfelder würden eine hohe Nachfrage erzielen und im krassen Gegensatz zum schlechten Image stehen, das Bärenkämpen in den Köpfen vieler Mindener besitze. „Die Menschen verbinden den Begriff Bärenkämpen mit schlechtem Wohnen“, erzählt Pankratz. Völlig zu Unrecht, wie er sagt. Das Ansehen des Stadtteils zu verbessern, „ist das dickste Brett, das wir bohren müssen.“

Kinder und Jugendliche finden im Jugendhaus Geschwister Scholl eine Anlaufstelle.

Bärenkämpen wurde in den 1960er Jahren entwickelt. Aktuell leben hier 6.700 Einwohner – unter ihnen viele Leistungsempfänger, mit und ohne Migrationshintergrund. 1.667 Ausländer leben der Stadt Minden zufolge derzeit in Bärenkämpen. Der Sozialatlas für Kinder und Jugendliche in Minden aus dem Jahr 2016 gibt Rückschlüsse auf die soziale Situation und den bunten Mix in der Bevölkerung. Demnach leben 53,4 Prozent der 1.482 Minderjährigen in Bärenkämpen in Familien, die Hartz-IV oder Asylbewerberleistungsbezüge bekommen. Damit nimmt das Quartier den Spitzenplatz in Minden ein – das Rechte Weserufer und Rodenbeck rangieren deutlich dahinter (Stand: Januar 2016). Laut des Sozialatlas ist der Wohnungsmarkt in Minden entspannter als in Großstädten und gerade in Wohnblocks wie in Bärenkämpen gebe es genügend günstigen Wohnraum für einkommensschwache Familien. Aus diesem Grund ziehe es auch viele Flüchtlinge in den Stadtteil. Etwa 500 der zirka 1.000 Flüchtlinge, die Minden aufgenommen hat, leben hier. 25,2 Prozent der Minderjährigen in Bärenkämpen besitzen keinen deutschen Pass. Laut einer Infobroschüre der Mosaikschule in Bärenkämpen haben 82 Prozent der Grundschüler einen Migrationshintergrund. Die Kinder kommen aus 20 verschiedenen Herkunftsländern und gehören 16 unterschiedlichen Religionen an.

Kinder, aber auch Ältere, Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten und Flüchtlinge sollen bald im neuen Stadtteilzentrum in Bärenkämpen zusammenkommen. Vergangene Woche wurde der Spatenstich für das ehrgeizige Projekt gesetzt, auf dem Grundstück Sieben Bauern 20a. Das Stadtteilzentrum soll Ende 2018 fertig sein. „Wir müssen hier den Zugang zu Bildung, Teilhabe und Chancengleichheit unterstützen. Wir wollen ein ‚Wir-Gefühl‘ schaffen“, sagt Koordinatorin Ute Hildebrandt, „es fehlte an offenen Treffpunkten, speziell für Eltern und junge Erwachsene“. In den Räumen soll diskutiert, gespielt, deutsch gelernt, gemalt, gegessen und geschlafen werden. Mit Robin Flohr und Elke Ruhe-Hartmann werden zwei Quartiermanager täglich vor Ort sein. Auch der Bezirksdienst der Polizei wird in das 870 Quadratmeter große Gebäude einziehen. 90 Prozent der zwei Millionen Euro Baukosten des Stadtteilzentrums werden vom Land gefördert. „Das Haus soll ein Treffpunkt für alle Bewohner aus Bärenkämpen werden“, erklärt Hildebrandt.