Die Multihalle in 180 Minuten

Die Multihalle in 180 Minuten

Mindener Rat diskutiert Kosten, Altlasten, Pläne und Gutachten in Sondersitzung

Etwa drei Stunden diskutierte der Mindener Stadtrat über die geplante Multifunktionshalle auf dem rechten Weserufer. Am Ende wurden 200.000 Euro für ein weiteres Gutachten bewilligt. Im Mittelpunkt der Debatte standen die Baukostensteigerung von 22,6 auf 34,3 Millionen Euro und die Altlastensanierung auf dem Gelände des Alten Güterbahnhofs.

Als „einmalige Chance für das Rechte Weserufer“ bezeichnet Bürgermeister Michael Jäcke die Multihalle zu Beginn seines Plädoyers, deren Bedeutung sich nicht in „Cent bemessen lassen werde“. Er appelliert an die Ratsmitglieder, die 200.000 Euro für ein weiteres Gutachten bereitzustellen. Das sei nötig, um den Partnern aus Kreis und Wirtschaft endlich belastbare Zahlen für die Halle vorlegen zu können. „Sonst hat sich das Projekt hier und heute erledigt, das muss ich so in aller Deutlichkeit sagen“, sagt Jäcke. Denn speziell der Kreis macht Druck und wünscht sich eine zügige Entscheidung. Er will wissen, ob die neue Halle gebaut wird oder ob er die sanierungsbedürftige Kampa-Halle ertüchtigen muss. Am Ende der Sitzung befürwortet der Rat die 200.000 Euro für ein weiteres Gutachten. Damit wird der Haupt- und Finanzausschusses bestätigt, der die Gelder bereits am 1. Juni via Dringlichkeitsbeschluss abgesegnet hatte. Die Stadt Minden wird nun einen Businessplan in Auftrag geben, der nach der Sommerpause vorgestellt werden soll. Spätestens Ende dieses Jahres soll entschieden werden, ob die Multihalle kommt oder nicht.

„Vorherige Studien waren unzureichend“

Beantragt hatte die Sondersitzung die Mindener Linke. Fraktionsvorsitzender Stefan Schröder forderte Erklärungen zur finanziellen Beteiligungen von Stadt, Kreis und Wirtschaft, zur Machbarkeitsanalyse und zu Verlusten und Baukosten für den Mindener Haushalt. Rasch entwickelte sich die Ratsdebatte zur Grundsatzdiskussion über die Multihalle. Im Juli 2016 bezifferte die Stadt die Kosten auf 22,6 Millionen Euro. Inzwischen liegt die Summe bei 34,3 Millionen Euro. Lars Bursian verteidigt die Kostensteigerung: Die vorherige Studie der EFM Management AG sei unzureichend gewesen. Die Projektgesellschaft habe in ihrem Grundmodell nur die Investitionssumme für den Baukörper abgeschätzt. Die Zahl von 34,3 Millionen Euro, die das Münchener Planungsbüro Assmann für die Multihalle veranschlagt, sei belastbarer – sagt auch Kämmerer Kresse. Assmann bette die Halle stärker ins städtebauliche Gesamtkonzept ein und berücksichtige die Kosten für Stellplätze, Außenanlagen und Ausstattung. Vier Varianten für die Multihalle hat die Firma Assmann der Stadt vorgelegt. Die teuerste und größte Variante würde netto 38,1 Millionen Euro kosten – inklusive Systemparkhaus für 3,36 Millionen Euro. Die Verwaltung bevorzugt Variante B: Ohne Parkhaus, für 34,3 Millionen Euro. 500 Stellplätze sollen bei Option B für die bis zu 5.500 Besucher geschaffen werden. Weitere Parkmöglichkeiten gebe es auf Kanzlers Weide, erklärt Bursian.

Wie stark ist das Gelände belastet?

Energisch weist Claudia Herziger-Möhlmann auf die Altlasten hin, die sich in Boden und Grundwasser des Geländes am Alten Güterbahnhof befinden. Das Gelände sei stark verseucht mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), sagt die Stadtverordnete des Bürger-Bündnisses-Minden (BBM). PAK sind Schadstoffe, die entstehen, wenn fossile Brennstoffe verbrannt werden: Der alte Güterbahnhof diente in seiner Vergangenheit zum Beispiel als Gaswerk und Minralöllager. PAK werden über die Lunge, aber auch über Nahrung und Trinkwasser aufgenommen und können krebserregend sein. Herziger-Möhlmann zitiert Untersuchungen von 1998 und 2016, laut denen die PAK-Werte vor Ort die empfohlenen Grenzwerte deutlich überschreiten. Speziell das Trinkwasser entlang der Friedrich-Wilhelm-Straße berge enorme gesundheitliche Gefahren für die Anwohner. Um diese Schadstoffe zu entfernen, müssten ihren Rechnungen zufolge mehr als 17 Millionen Euro in die Hand genommen werden. Mehr als die Hälfte davon müsste die Stadt Minden bezahlen, gab sie zu bedenken. Lars Bursian erwiderte, dass die Belastungen nicht so hoch liegen würden wie von Herziger-Möhlmann geschildert. Laut einer ersten offiziellen Schätzung würden die Sanierungskosten bei etwa vier Millionen Euro liegen. Die Stadt müsste zudem nur für etwa 20 Prozent der Kosten aufkommen. Mehrere Stimmen aus dem Rat plädieren dafür, die Sanierungskosten fürs Gelände gesondert zu betrachten und nicht in einen Topf zu werfen mit den Baukosten. Denn selbst wenn die Multihalle nicht kommen sollte, müsste ja das Gelände gesäubert werden, argumentiert unter anderem Ulrich Stadtmann von der CDU. Bürgermeister Jäcke pflichtet ihm bei: „Wir müssen das sowieso anpacken, auch für die nächsten Generationen. Wir haben das Grundstück gekauft, um das Rechte Weserufer voranzubringen – ob mit oder ohne Multifunktionshalle.“