Große Herausforderungen, kleine Schritte

Große Herausforderungen, kleine Schritte

Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren

Nach der großen Flüchtlingswelle von 2015 kommen nach wie vor Menschen nach Deutschland, die in ihrer Heimat vor Verfolgung und Terror fliehen. Auch im Landkreis Minden-Lübbecke haben viele von ihnen eine neue Heimat gefunden. Doch die Integration in unsere Gesellschafft stellt sie selber, aber auch Behörden und Institutionen des Kreises vor enorme Herausforderungen. Besonderer Ansatzpunkt bei der Integration der Geflüchteten: die Teilhabe am Arbeitsmarkt und somit die Möglichkeit, für sich und seine Familie zu sorgen.

Der Status quo in Zahlen

Im Kreis Minden-Lübbecke leben derzeit insgesamt 4.543 Asylbewerber (Stand 31.12.2016), so Mirjana Lenz, Pressesprecherin des Kreises auf MiKu-Anfrage. Dies wäre auf der letzten Sitzung des Ausschusses proArbeit im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktintegration von geflüchteteten Menschen, die bereits einen SGB II-Anspruch (Sozialgesetzbuch – Grundsicherung für Arbeitssuchende) besitzen, erarbeitet und zusammengefasst worden. Demnach besitzen von den 4.543 Asylbewerbern 201 eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender (BüMA); 2.889 haben eine Aufenthaltsgenehmigung und befinden sich in einem laufenden Asylbewerberverfahren. 636 Personen seien Inhaber einer Duldung und hätten somit ein abgeschlossenes Asylverfahren hinter sich samt einer Aussetzung der Abschiebung. 15 Asylbewerber hätten zu diesem Zeitpunkt ihren Status anerkannt bekommen, daneben stehen 802 offiziell anerkannte Flüchtlinge.

Maßnahmen zur Förderung

In der Präsentation des Amts proArbeit sind insgesamt 3.223 Leistungsberechtigte Personen aus acht Herkunftsländern (Afganistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) verzeichnet worden (Stand 31.12.2016), davon seien insgesamt 2.013 erwerbsfähig. Der Kreis Minden-Lübbecke sei bestrebt diese Personen in Arbeit zu vermitteln, sagen Mirjana Lenz und Janine Billerbeck, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Herford. Auch das Amt proArbeit Jobcenter fördere sowohl mit Eigenmaßnahmen als auch mit eingekauften Plätzen in der Arbeitsagentur die Integration von Geflüchteten auf den Arbeitsmarkt in Minden-Lübbecke, so die Zusammenfassung der proArbeit. Unter anderem werde eine Sprach- und Arbeitsmarktorientierung für Frauen ohne Deutschkenntnisse angeboten, hierbei können bei drei Durchgängen in diesem Jahr jeweils bis 20 Personen teilnehmen. In diesen Kursen fände neben dem Spracherwerb auch eine interkulturelle Vorbereitung statt. Auch die Arbeitsgelegenheit „Vielfalt“ gebe den bis zu 15 Teilnehmern die Möglichkeit des Spracherwerbs in Kombination mit Projektarbeit im handwerklichen Bereich über eine Dauer von sechs Monaten. Desweiteren gebe es den „Jobact Sprachkultur“, ein neun Monate andauerndes Projekt in dem bis zu 15 Asylbewerber und Flüchtlinge gemeinsam unter sozialpädagogischer Betreuung ein Theaterstück erarbeiten und dabei auf die Aufnahme einer Arbeit vorbereitet würden. Weiterer Inhalt sei ebenfalls ein drei Monate andauerndes Betriebspraktikum. Darüber hinaus gebe es noch eingekaufte Plätze in den Maßnahmen der Agentur für Arbeit in Herford, unter anderem das „ PerjuF-H“-Projekt, welches Perspektiven für junge Flüchtlinge im Handwerk aufzeigen soll. Hier können sich jeweils sechs Personen unter 25 Jahren mit dem Sprachniveau B1 in den Gewerken Holz, Farbe und Bau probieren und nebenbei ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Auch die KompAS Kompetenzfeststellung in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die analog zum Integrationskurs stattfinde, helfe bei der Sprachenvertiefung und der beruflichen Orientierung. Zusätzlich gebe es noch für anerkannte Flüchtlinge das Angebot des Förderzentrum für Flüchtlinge (FfF). Hier erlernen über eine Dauer von sechs Monaten jeweils 25 Teilnehmer Kompetenzen in den Berufsbereichen Lager, Logistik, Handel sowie Hauswirtschaft und Ernährung und bekommen die schulischen Qualifikationen und beruflichen Vorkenntnisse ermittelt. Darüber hinaus würden die Teilnehmer an den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt herangeführt, berufsbezogene Sprachkenntnisse und begleitende berufliche Praktika vermittelt, so die Ergebnisse der proArbeit.

Anfang 2016 wurde der Integration Point in MInden eingerichtet.

Anfang 2016 wurde der Integration Point in MInden eingerichtet.

Umfangreiche Sprachförderung

Im Rahmen der Sprachförderung werde ebenfalls einiges angeboten, erklärt Billerbeck. Aus der Präsentation der proArbeit geht hervor, dass neben Integrationskursen das ESF-BAMF-Programm (europäischer Sozialfonds) zum Erwerb berufsbezogener Sprachkenntnisse sowie das Nationale Sprachprogramm DeuFöV angeboten werde. 2016 hätten insgesamt 779 Personen an Integrationskursen teilgenommen, 2017 waren es bis einschließlich April 237 Teilnehmer. Im Rahmen des ESF-BAMF-Programms wurden 2016 acht Maßnahmen mit insgesamt 156 Geflüchteten durchgeführt, 2017 waren es bis einschließlich März 21 Teilnehmer in bis dato zwei Maßnahmen. Für das Nationale Sprachprogramm DeuFöV wären seit Ende Oktober 2016 109 Berechtigungsscheine ausgegeben worden; desweiteren seien seit Anfang des Jahres 2017 auch 42 studierfähige geflüchtete Personen Teilnehmer einer Sprachförderung am Campus Minden. Auch Janine Billerbeck von der Agentur für Arbeit in Herford berichtet auf Miku-Anfrage, dass der Erwerb der deutschen Sprache überaus wichtig für eine erfolgreiche Eingliederung in den Arbeitsmarkt sei, zugleich aber auch eine der größten Herausforderungen für alle Beteiligten darstelle. Die Agentur für Arbeit in Herford hat im Januar 2016 in Minden den sogenannten „Integration Point“ eingerichtet. Dieser diene als Anlaufstelle für Personen mit Aufenthaltserlaubnis und hat bereits 1.600 Erstgespräche mit Geflüchteten geführt (Stand Februar 2017). Der Integration Point arbeitet eng mit dem BAMF zusammen, daher würden die Mitarbeiter auch von hier aus die Teilnahme an Sprachkursen in die Wege leiten, so Billerbeck weiter. Insgesamt wären so bereits insgesamt rund 1.200 Personen in Sprachkurse vermittelt worden. Generell sei der Integration Point gut angenommen worden, berichtet Janine Billerbeck. So seien über diesen Wege über 100 Praktika an Geflüchtete vermittelt worden; 696 Personen hätten an Qualifizierungsmaßnahmen teilgenommen und 150 hätten erfolgreich ein Berufsanerkennungsverfahren durchlaufen. Insgesamt seien so 120 Personen erfolgreich in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt integriert worden(Stand Februar 2017), so Janine Billerbeck abschließend.

Janine Billerbeck, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Herford: „Die Geflüchteten sind die Fachkräfte von übermorgen.“

Janine Billerbeck, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Herford: „Die Geflüchteten sind die Fachkräfte von übermorgen.“

Anhaltende Herausforderungen

Dennoch ständen die Geflüchteten als auch die Institutionen und Helfer weiter vor zahlreichen Herausforderungen; neben dem Spracherwerb sei die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen umfangreich und zeitaufwendig, sagt Janine Billerbeck. Diese Vorgänge würden neben Zeit auch die notwendigen Unterlagen benötigen, diese seien jedoch häufig nicht vorhanden. Desweiteren sei die im Heimatland angeeignete Erfahrung oft nicht mit der aus dem deutschen Arbeitsmarkt vergleichbar, erklärt Billerbeck weiter. Daher sind auch direkte Kontakte zu regionalen Unternehmen Bestandteil der Vermittlungsarbeit des Integration Points, so habe im Januar der „Meeting Point“ stattgefunden, eine Art „Speeddating“ für Flüchtlinge, bei der Kontakte zu lokalen Unternehmen geknüpft werden konnten. Die Einstellungen, die über diesen Wege erfolgen, seien besonders erfreulich, da so der Gebrauch der deutschen Sprache schon im Arbeitsalltag erlernt werden könne, erläuterte Billerbeck. Dennoch seien diese Fälle bisher eher die Ausnahme, denn nach wie vor benötige die Integration Zeit.

Swen Binner, Geschäftsführer berufliche Bildung der IHK OWL: „Es ist wichtig, Inhalte und Konzeptionen der beruflichen Bildung zu vermitteln.“

Swen Binner, Geschäftsführer berufliche Bildung der IHK OWL: „Es ist wichtig, Inhalte und Konzeptionen der beruflichen Bildung zu vermitteln.“

Kontakt zu heimischen Unternehmen

Dies bestätigte auch Swen Binner, Geschäftsführer des Bereiches Berufliche Bildung der IHK OWL (Industrie- und Handelskammer). Daher unterstütze die IHK auch die Förderung der Integration durch die Vermittlung direkter Kontakte zu lokalen Unternehmen um Geflüchtete in die duale Ausbildung zu integrieren. Wenn entsprechende Voraussetzungen und eine annähernde Ausbildungsreife vorläge, gäbe es die Möglichkeit Kontakte zu heimische Unternehnen zu knüpfen. Dem schloss sich auch Axel Börner an, Chief Financial Officer bei WAGO und Sprecher der Flüchtlingspartner Minden. „Der beruflichen Eingliederung von Geflüchteten stehen wir sehr aufgeschlossen gegenüber.“ Nach einer Prüfung der Einsatzmöglichkeiten und der Eignung biete Wago geeigneten Kandidaten ein sechs-wöchiges Praktikum an, um die Geflüchteten auf die Anforderungen des Berufes vorzubereiten. Die ersten Praktika würden bereits in der nächsten Woche beginnen, berichtet Börner. Leider seien es noch nicht sehr viele, da oft der entsprechende schulische Hintergrund fehle und generell viele Formalien zu beachten seien, so Börner weiter. Dennoch würde nicht nur Wago, sondern auch weitere lokale Unternehmen die Eingliederung Geflüchteter Menschen in den Arbeitsmarkt unterstützen, unter anderem durch finanzielle Beihilfe der Flüchtlingspartner Minden.

Axel Börner, Chief Financial Officer bei WAGO und Sprecher der Flüchtlingspartner Minden: „Der beruflichen Eingliederung von Geflüchteten stehen wir sehr aufgeschlossen gegenüber."

Axel Börner, Chief Financial Officer bei WAGO und Sprecher der Flüchtlingspartner Minden: „Der beruflichen Eingliederung von Geflüchteten stehen wir sehr aufgeschlossen gegenüber.“

Die Fachkräfte von übermorgen

Auch die IHK habe vor rund anderthalb Jahren Einstiegsqualifizierungsmaßnahmen zielgruppengerecht für junge Geflüchtete weiter entwickelt zur „EQ+“, so Binner weiter. Diese Maßnahmen würden aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit finanziert und ideal auf die duale Ausbildung vorbereiten. Durch das „EQ+“ gäbe es die Möglichkeit, in diesem Jahr 30 Projekte finanziell zu unterstützen und weiterführende, ergänzende Kurse zu finanzieren; diese Maßnahmen würden Binner und seine Kollegen als idealen Einstieg in die duale Ausbildung ansehen. Generell sei es wichtig, den jungen Geflüchteten die Konzeption und Inhalte beruflicher Bildung näher zu bringen als Voraussetzung für eine gute Lebensperspektive, so Binner abschließend. Dem schließen sich auch die Aussagen der Agentur für Arbeit an, oder wie Janine Billerbeck es formuliert: „Die Geflüchteten werden Teil der zukünftigen Fachkräfte sein, aber nicht der von morgen, sondern von übermorgen.“