Lihra meint...

Lihra meint…

Denke ich richtig?

Ich habe im Wirtschaftsteil einer Zeitung eine Meldung über einen Konzern gesehen. Es ging um die Daten des ersten Quartals. Da stand die bemerkenswerte Formulierung „Das Ergebnis enttäuschte weniger als erwartet“. Der Rest hat mich nicht mehr interessiert, aber der Kurs der Firma stieg jedenfalls, alles ist super, die Anleger freuen sich. Das Management fühlt sich durch die Zahlen bestätigt, alle Maßnahmen waren korrekt, man kennt das. Weil die Ergebnisse weniger enttäuschen als erwartet. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wie milde, wohlwollend und überaus verständnisvoll Konzerne beurteilt werden, wie hart wir aber zu uns selbst sind. Bei uns zählen nur Bestleistungen. Gut ist nur, wer alles erreicht und gewinnt, wer weit oben ist, wer alle Herausforderungen mit Bravour meistert. Wie macht sich der neue Kollege? Er enttäuscht weniger als erwartet. Wie läuft es eigentlich mit deinem Mann? Er enttäuscht weniger als erwartet. Was macht das Kind auf dem Gymnasium? Es enttäuscht weniger als erwartet. Was passiert mit der Innenstadt in Minden? Sie enttäuscht weniger als erwartet. Wie machen sich unsere gewählten Volksvertreter im Rat? Sie enttäuschen weniger als erwartet. Wie läuft es in der Verwaltung der Stadt und mit dem Bürgermeister? Sie enttäuschen weniger als erwartet.

Wie klingt das denn bitte? Das klingt nach Licht aus, nach baldigem Ende. Weil da nicht alles im Bereich der Bestnoten und Glanzleistungen ist. Aber wenn man nachdenkt und sich an den Konzern oben erinnert – es ist nicht so schlecht, wenn etwas weniger enttäuscht, als man bisher angenommen hat. Es ist immerhin besser als gedacht, es ist vielleicht sogar ganz okay. Es ist wohl so, dass man weitermachen kann. Wird man am Ende entspannter, wenn man die Formulierung in den Alltag übernimmt? Alle Ansprüche etwas herunterschrauben, das geht an der Börse ja schließlich auch manchmal.

Denke ich hier wirklich richtig? Soll oder muss ich meine Gedanken umstellen, weniger von der Mindener Innenstadt, von Rat, Politik und Verwaltung verlangen? Ist dann wirklich alles gut? Ist es dann egal, ob die Martinitreppe einen Fahrstuhl für körperlich behinderte Mitbürger bekommt und diese den Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterstadt problemlos meistern können? Ist es wirklich egal, ob eine Drogeriemarktkette in die beste Innenstadtlage einzieht und die Chance vertan wird, tolle neue Geschäfte mit Sogcharakter dort anzusiedeln? Ist es wirklich egal, ob am Wesertor ein Sportstudio auf zwei Etagen seinen Platz findet und dort 24 Stunden öffnet? Wer bitte wird in Minden um 1.00 Uhr in der Nacht dort trainieren? Was sind das für Menschen? Und haben wir in Minden nicht schon genügend Sportstudios? Ist es wirklich egal, welche Leerstände nach wie vor herrschen und wie die Gastronomie langsam in der Innenstadt zugrunde geht? Denke ich hier wirklich richtig?

Ich frage Sie jetzt einmal, liebe Leser des MiKu, wie war Ihre Woche? Enttäuschte diese weniger als erwartet? Und sinken Sie damit zufrieden seufzend auf Ihr Sofa und legen einfach Ihre Beine hoch? Ich merke gerade, dass ich das nicht kann. Also schreibe ich hier weiter meine Kolumnen. Oder denke ich nicht richtig?