Stirbt die Mindener Innenstadt?

Stirbt die Mindener Innenstadt?

Hat sich das Modell Fußgängerzone in Minden überlebt? Eine Welt, die einfach verschwindet, auf die wir Mindener doch so stolz waren. „Ich fahr mal in die Stadt,“ sagten wir früher. In die Bäckerstraße, zu Hagemeyer oder mein Opa zu Kaisers Kaffee. Und nun gibt es nur noch die Möglichkeit, die Bäckerstraße oder den Obermarkt teilweise für den Verkehr wieder frei zu geben? Der HDE geht von einem Verlust von 50.000 Geschäften in den nächsten Jahren aus. In den nächsten 10 bis 15 Jahren verschwindet jedes zweite Filialunternehmen vom Markt, so die Aussage. Minden hat sehr viele Filialunternehmen in der Fußgängerzone. Eine der längsten in Deutschland. Ist die noch zu retten?

Minden kämpft gegen attraktive Nachbarstädte, gegen die SB-Warenhäuser auf der „grünen Wiese“, gegen die Lebensmittelmärkte, die auf den Zufahrtsstraßen und Ringen gebaut wurden, obwohl das Innenstadtkonzept etwas ganz anderes aussagt und gegen den immer stärker werdenden Onlinehandel, der der Fußgängerzone zunehmend mehr Kaufkraft und Kunden entzieht. Laut Studien werden dadurch in Zukunft 100 Milliarden Euro an den Städten vorbeifließen. Wie haben wir uns das vorzustellen? Wenn 1000 Meter Fußgängerzone in Minden gleich 100 Prozent Umsatz sind, müssten Umsatzverschiebungen von zehn Prozent durch den Online-Handel, und die Prognosen gehen sogar bis zu 25 Prozent, eine Verkürzung um 100 Meter der Bäckerstraße bedeuten. Nur so könnten die übrig gebliebenen Geschäfte ihren Umsatz halten.

Bäckerstraße oder den Obermarkt für Autos zu öffnen ist aber zu kurz gedacht. Minden benötigt eine gute Erreichbarkeit der Fußgängerzone. Die Kunden haben heute ganz andere Einkaufsalternativen als noch vor vier oder fünf Jahren. Der größte Teil der Bäckerstraße, der Scharn und demnächst das Obermarktquartier haben ein schönes neues Pflaster bekommen, neue Stelen, Bänke und einen Brunnen. Dafür gab es Fördergelder aus vielen Töpfen. Würde man die Fußgängerzone nun öffnen, wäre das aus Sicht der Bürokratie eine Art Zweckentfremdung. Die Gelder müssten zurückgezahlt werden und das kann Minden sich nicht erlauben. Wird somit der Strukturwandel bei uns zusätzlich ausgebremst?

Sollen wir jetzt in blanke Panik verfallen angesichts der stetig sinkenden Kundenzustroms? Ein Teufelskreis? Weil der Angebots-Mix unattraktiv ist, kommen weniger Käufer. Mieteinnahmen sinken, wenn man überhaupt Mieter findet. Und wo weniger Käufer in die Läden kommen, leiden die Geschäfte der Gastronomen, siehe Markt, sodass die Stadt weniger Gewerbeeinnahmen hat. Damit fehlen Gelder zur Finanzierung von Sicherheit, Sauberkeit und Stadtmöblierung (gläserner Fahrstuhl).

Was nun? Minden muss darauf achten, dass der Erlebnisraum spannend und anziehend bleibt. Und dabei stören die Autos eher. Dabei stört aber auch ein neues Geschäftshaus am Scharn mit einem Großmieter Drogeriemarkt Müller. Das ist kein Erlebnis. Erste Aufgabe ist die beste Erreichbarkeit der Fußgängerzone für Autofahrer. Die IHK Hannover hat festgestellt, dass fast jeder zweite Verbraucher mit dem PKW in die Stadt fährt, nur sechs Prozent mit dem Bus oder der Bahn. Und Autofahrer geben danach im Schnitt pro Stadtbesuch 46 Euro aus. Fast doppelt so viel wie Radler und auch deutlich mehr als Busnutzer.

Was kann in Minden getan werden? Erstens attraktive Geschäfte mit Erlebnischarakter. Auch zeichnen sich andere Konzepte ab. Portale wie Findling oder Ebay schaffen für Händler Präsenz im Netz, ohne das gleich eigene Webshops aufgemacht werden müssen. Und umgekehrt ermöglichen Online-Händler wie Zalando den Boutique Besitzern, sich mit Software an den Onlinebestellungen anzukoppeln und deren Lieferung abzuwickeln. Kommt der Kunde zur Abholung der Ware, kauft er womöglich noch weitere Dinge ein. Vielleicht trinkt er bei der Gelegenheit auch einen Cappuccino auf dem Marktplatz oder im Café nebenan. Minden muss seine Möglichkeiten nur konsequent nutzen und die Händler in der Innenstadt ebenso.