Chancenspiegel berichtet über Bildungschancen und Gerechtigkeit

Chancenspiegel berichtet über Bildungschancen und Gerechtigkeit

Immer mehr ausländische Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss

Der kürzlich erschienene Chancenspiegel berichtete über steigende Zahlen von ausländischen Schülern, die ohne Abschluss die Schule verlassen. Trotz guter Bildungsqualität in Deutschland findet sich diese Problematik auch im Kreis Minden-Lübbecke. Jedoch wurde bereits eine durchschnittliche Verbesserung dieser Quote erzielt. Viele ausländische Schüler verlassen zumindest mit einem Förderschulabschluss die Schule.

Bildungsqualität in Deutschland

In dem kürzlich erschienenen „Chancenspiegel 2017“ von der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller Universität Jena und der IFS der TU Dortmund wurde festgestellt, dass die Quote der Schulabgänger in Deutschland, die ohne einen Abschluss die Schule verlassen, weiter rückläufig ist. Jedoch sei eine Entkopplung dieser Entwicklung zu beobachten: Während von allen Schülern insgesamt der Anteil derer, die ohne Abschluss die Schule verlassen, weiter sinkt, ist bei ausländischen Schülern eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Diese Quote verzeichnet stetig eine Zunahme an ausländischen Schülern, die ohne Abschluss von der Schule gehen. Dabei ist der Erwerb von Bildung und eines Abschlusses ein wichtiges Instrument für die Integration in der Gesellschaft.

Im Allgemeinen ist aber zu erwähnen, dass sich in den vergangenen Jahren, vor allem mit Rückblick auf den „PISA-Schock 2001“ die Bildungsqualität an deutschen Schulen stetig verbessert hat. Unlängst lag Deutschland bei der aktuellsten PISA-Studie (2015) auf einem Platz im oberen Mittelfeld in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz.

Unterschiedliche Quoten auf Bundes-, Länder-, und Kreisebene

Der Bundeswert für die Abgängerquote ohne Abschluss auf alle Schüler im Bundesgebiet gerechnet beläuft sich auf 5,8 Prozent, für ausländische Schüler ohne Abschluss liegt der Bundeswert bei 12,9 Prozent (2015). Der Bundeswert hat sich hierbei stetig verbessert (2002:16,7 Prozent). Für Nordrhein Westfalen sehen die Zahlen etwas anders aus: Nachdem die Quote seit 2002 vom Stand 12,8 Prozent bis 2008 weiter auf 14,3 Prozent gestiegen ist, war wieder eine zeitweilige Verbesserung bis 2011 (11,8 Prozent) zu beobachten. Seit dem Jahr 2011 ist hier eine Verschlechterung der Quote von ausländischen Schülern, die ohne Abschluss die Schule verlassen, von 11,8 auf 14,5 Prozent zu beobachten. NRW befindet sich hierbei im unterem Viertel im Bundesländervergleich (Chancenspiegel 2017).

Auch für den Kreis Minden-Lübbecke sehen die Zahlen ähnlich aus. Laut der Landesdatenbank für NRW hat sich hier die Quote der ausländischen Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen, seit dem Schuljahr 2012/2013 stetig verschlechtert. In den Jahren davor war eine Verbesserung der Quote zu beobachten (2011/2012: 11,6 Prozent; 2012/2013:10 Prozent). Doch seit dem Schuljahr 2012/2013 hatte der Anteil immer mehr zugenommen, von zehn Prozent (von 271 ausländischen Schülern haben 27 ohne Abschluss die Schule verlassen) auf 16,7 Prozent (42 von 251 ausländischen Schülern). Im Vergleich dazu ist der Anteil von Schülern, die ohne Abschluss die Schule verlassen, an allen Schülern insgesamt gemessen über die Jahre relativ konstant geblieben (2014/2015: 6,1 Prozent; 2013/2014: 6,1 Prozent).

Durchschnittliche Verbesserung für Minden

Für die Stadt Minden sehen die Zahlen wie folgt aus: Für das Schuljahr 2014/2015 beläuft sich der Anteil ausländischer Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen auf 15,1 Prozent. Diese Quote hat sich im Vergleich zum Vorjahr geringfügig vermindert (2013/2014: 15,3 Prozent). Im Zehnjahresvergleich wird jedoch ersichtlich, dass sich im allgemeinen diese Quote für die Stadt Minden im Durchschnitt verbessert hat. In den Jahren von 2006/2007 bis 2009/2010 befand sich der Anteil der ausländischen Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen, im wesentlich höherem Bereich. Dies bestätigt auch Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt Minden: ,,Die im Vergleich zu 2014/15 zugrunde liegende Zahl von 2013/14 an ausländischen Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss ist mit 10,9 Prozent ungewöhnlich niedrig. Der Durchschnitt in Minden liegt über einen Zehnjahres-Zeitraum betrachtet bei 18,1 Prozent. Somit ist der Anteil von 15,2 Prozent in 2014/15 nicht als Negativtrend zu bewerten. Es gab in den vergangenen Jahren schon höhere Zahlen.“ Zuletzt befand sich dieser Wert im Schuljahr 2009/2010 auf einem Höchststand von 27,6 Prozent. Bereits im Jahr darauf hatte sich diese Quote auf 15,2 Prozent verringert, ging sogar bis zum Jahr 2012/2013 auf 10,9 Prozent zurück. Erst danach, seit 2013/14 ist diese Quote wieder auf 15,3 Prozent gestiegen. Generell ist aber, auf 10 Jahre gesehen, eine durchschnittliche Verbesserung der Schulabschlussquote bei ausländischen Schülern zu beobachten.

Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt Minden: „Es gab in den vergangenen Jahren schon höhere Zahlen.“

Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt Minden: „Es gab in den vergangenen Jahren schon höhere Zahlen.“

Perspektiven für ausländische Schulabgänger

Susann Lewerenz hat sich weiter zu diesen Zahlen geäußert. Der Schulträger ist über diese Zahlen im Bilde. Was aus dieser Statistik nicht hervor geht, ist das viele der Schüler ohne Hauptschulabschluss zumindest mit einen Förderschulabschluss die Schule verlassen. Die Hälfte bis zu zwei Drittel dieser Schüler besuchen ein Förderschule, so Lewerenz. „Ein Teil schließt hier auch mit einem Förderschulabschluss ab“. Außerdem ende mit dem Abgang von der Hauptschule nicht die Schulpflicht. Fast alle ausländischen Schüler ohne Sek-I-Anschluss würden im Anschluss in den Berufskollegs weiter beschult. Ein Teil von ihnen erwerbe dann hier einen Sek-1-Abschluss, erklärte Lewerenz weiter. ,,Wie viele das sind, wissen wir nicht, weil uns hierzu keine Zahlen vorliegen.“ Auf Nachfrage des MiKU, ob dieser Entwicklung denn entgegen gewirkt werde, antwortete der Schulträger: ,,Es wird hier aktuell schon gehandelt. Denn die seit 2015 zugewanderten jungen Geflüchteten erhalten in den weiterbildenden Schulen eine intensive Sprachförderung. Trotz dieser Förderung muss aber davon ausgegangen werden, dass die Zahlen in den kommenden Jahren leicht weiter steigen. Das hängt vom Einstiegsalter in das deutsche Schulsystem ab. Ein 13-jähriger Flüchtling ohne deutsche Sprachkenntnisse wird in zwei Jahren vermutlich keinen Hauptschulabschluss erwerben können, wohl aber zwei bis drei Jahre später im Berufskolleg“. Generell aber liegen bildungspolitische Maßnahmen in den Händen von Land und Bund. Die Stadt Minden als Schulträger ist im wesentlichen für die Ausstattung und Unterhaltung der Schulen zuständig, schulische und pädagogische Inhalte werden auf Landes- und Bundesebene festgelegt. Somit ist auch diese Entwicklung bildungspolitisch zu beachten.

Förderschulabschluss als Ausgangslage

Aus Sicht der Schulen ist diese Problematik nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Konstanze Hickendorf, Rektorin der Kuhlenkampschule, sagte auf MiKu-Nachfrage aus, dass sie über diese Zahlen hinsichtlich der Hauptschulabschlüsse nicht im Bilde waren. Jedoch wird auf der Kuhlenkampschule, einer Förderschule für Schüler mit besonderen sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, auch seit einigen Jahren kein Hauptschulabschluss mehr vergeben. Die beschulten Jugendlichen, von aktuell 220 Schülern sind hierbei 17 ausländische Schüler darunter, verlassen allesamt die Schule auf jeden Fall mit einem Förderschulabschluss. Leider sei dieser in der Realität wenig wert, so Hickendorf weiter. Dennoch wäre es wünschenswert, dass diese Schüler in der Statistik nicht als Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen haben, aufgeführt werden würden. Schließlich ist dies nicht der Fall und desweiteren ermöglicht ihnen diese Qualifikation auch eine dementsprechende Weiterbildung.