Freie Hebammen vor dem Aus

Freie Hebammen vor dem Aus

„Schwangere haben keine Wahl mehr, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten“

Sie begleiten Frauen durch eine aufregende Zeit voller Fragen: Hebammen helfen Schwangeren, wenn sie sich ängstlich und unsicher fühlen. Inzwischen aber blicken sie selber mit Sorge in die Zukunft. Hohe Versicherungsprämien und Arbeitsbelastungen sowie schmale Verdienste bedrohen einen der ältesten Berufe der Welt.

Daniela Wandel ist seit 19 Jahren „mit Leib und Seele“ Hebamme. Von 1997 bis 2015 arbeitete die 43-Jährige im Kreißsaal des Johannes-Wesling-Klinikums. Vergangenes Jahr hat sie sich selbstständig gemacht mit ihrer eigenen Hebammenpraxis. Sie liebt ihren Job, sagt Daniela Wandel. Als Kreisvorsitzende der Hebammen Minden-Lübbecke weiß sie aber auch um die Nöte vieler Kolleginnen.“So schön der Beruf auch ist. Viele Hebammen verdienen zu wenig, um davon ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.“ Laut des Deutschen Hebammenverbandes arbeiten 60 Prozent der 21.000 Hebammen freiberuflich – in Geburtshäusern, Praxen oder als Beleghebammen in Kliniken. „Gerade Geburtshilfen können sich die wenigsten freien Hebammen noch leisten“, sagt Daniela Wandel. Knackpunkt sei die stetig steigende Berufshaftpflichtprämie. 2004 lag diese noch bei 1.350 Euro. Ab dem 1. Juli 2017 müssen 

Geburtshelferinnen 7.638 berappen. Ganz gleich, ob eine Hebamme eine oder 100 Geburten pro Jahr begleitet. Derzeit werden Beleghebammen im Krankenhaus mit 272 Euro pro Geburt vergütet. Sie müssten demnach etwa 28 Entbindungen machen, um den Beitrag für die Versicherung raus zu haben. 2015 verabschiedete der Gesetzgeber den sogenannten Sicherstellungszuschlag, um den Hebammen entgegenzukommen und die Haftpflichtsumme auszugleichen. Doch der Sicherstellungszuschlag sei nur ein „Tropfen auf dem heißen Stein“ und decke nicht annähernd die Versicherungskosten, erklärt Daniela Wandel.

Hebammen müssen Schwangeren absagen

Laut Nicole Kramer von der Mindener Praxis Storchennest geben immer mehr Hebammen ihren Job auf. „Gerade die Hebammen, die freiberuflich in der außerklinischen Geburtshilfe und Beleggeburtshilfe unterwegs sind, werden nach und nach weniger“, berichtet die 34-Jährige. Die Folgen seien dramatisch. „Schwangere haben keine Wahl mehr, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten. Wir müssen in unserer Praxis immer wieder Familien abweisen. Wenn sich Familien kurzfristig und nicht spätestens bis zur zehnten Schwangerschaftswoche bei uns melden, gibt es oft keine Chance mehr auf einen Betreuungsplatz. Wir hören oft, dass viele Frauen vergeblich eine Hebamme gesucht haben“, sagt Nicole Kramer. Auch Daniela Wandel muss werdende Mütter enttäuschen. „Es gibt Wochen, da sage ich zehn Frauen ab. Ich bin bis Juli ausgebucht“, erzählt sie. Wandel zufolge sind 70 Hebammen beim Kreisverband Minden-Lübbecke gemeldet. Das seien deutlich zu wenig.

Außerklinische Geburten kaum noch möglich

„Die Zahl der Hausgeburten ohne Hebamme nimmt zu“, vermutet Nicole Kramer, „denn die Nachfrage nach außerklinischen Geburten kann in Minden-Lübbecke nicht mehr oder nur eingeschränkt bedient werden.“ Im Oktober hat das Geburtshaus in Porta geschlossen. Fünf Hebammen boten dort außerklinische Geburten und jährlich 78 Kurse für durchschnittlich acht Teilnehmer an. Die letzte freiberufliche Hebamme für Hausgeburten im Kreis ist Susanne Lüderitz aus Petershagen. Schwangeren Frauen bleibt somit nur die Möglichkeit ins Krankenhaus zu gehen, sagt Nicole Kramer. Dort aber mangele es häufig an Personal. „Schon jetzt müssen Hebammen in den Krankenhäusern gleichzeitig mehrere Frauen betreuen unter der Geburt. Das birgt Risiken“, befürchtet Kramer. Auch Daniela Wandel zufolge gehören die Hebammen in den Kliniken entlastet. Schwangere würden sich heute eine intensivere und persönlichere Betreuung wünschen als noch vor 20 Jahren. Dies könnten die „Kolleginnen in den unterbesetzten Entbindungsstationen aber nicht leisten.“

JWK sieht sich personell gut ausgestattet

„Die Betreuung aller werdenden Mütter ist und war bei uns jederzeit gewährleistet“, erklärt Christian Busse, Pressesprecher des Johannes-Wesling-Klinikums (JWK), auf MiKu-Nachfrage. Jede Schicht in der Entbindungsstation ist mit mindestens zwei Hebammen besetzt. Aktuell beschäftigt das JWK 11,5 Vollzeitstellen, verteilt auf 17 Hebammen. Im April übernehme das JWK acht Auszubildende der Mindener Hebammenschule. „Damit werden wir 16,75 Vollzeitkräfte haben und personell überplanmäßig ausgestattet sein.“ 1.746 Geburten verzeichnete das JWK bislang in diesem Jahr. Im gesamten Kalenderjahr 2015 waren es 1.681. „Den Zuwachs betrachten wir als Zeichen unseres hohen medizinischen Standards“, erklärt Christian Busse.