EU klagt gegen hohe Nitratwerte

EU klagt gegen hohe Nitratwerte

Auch Mühlenkreiswasser ist betroffen

Wegen zu hoher und steigender Nitratwerte in Deutschland hat die Europäische Union (EU) bereits Anfang des Monats Klage eingereicht. Spätestens 2012 hätten Bund und Länder die Vorschriften verschärfen müssen, heißt es in der Klageschrift. Auch im Mühlenkreis wurden zu hohe Nitratwerte gemessen. Ämter und Gewässerschutz sehen die Schuld in der Landwirtschaft. Eine neue Düngeverordnung soll Besserung verschaffen.

Im September stellte der VSR-Gewässerschutz bei Brunnenproben aus der Region viel zu hohe Nitratwerte fest. Bei der Informationsveranstaltung mit einem Labormobil des „Verein zum Schutz des Rheins und seiner Nebenflüsse“- ein Zusammenschluss aus Bürgerinitiativen – konnten Privatpersonen aus dem Mühlenkreis Wasserproben ihres Hausbrunnens untersuchen lassen. Insgesamt wurden 98 Wasserproben unter die Lupe genommen. Bei der Untersuchung in Uchte lag jede zweite Probe oberhalb des Grenzwertes der deutschen Trinkwasserverordnung von 50 Milligramm pro Liter, in Espelkamp jede vierte Probe. „Wir haben natürlich auch Ergebnisse aus dem Mindener Raum“, ergänzt Harald Gülzow, Pressesprecher des Vereins. Insgesamt wurden bei der Aktion 24 Wasserproben aus Mindener Brunnen untersucht. Dabei seien in acht Brunnen Nitratwerte oberhalb der 50 Milligrammgrenze festgestellt worden. Sehr hohe Werte fand man vor allem in Hahlen mit 103 Milligramm pro Liter, in Minderheide mit 82 Milligramm und in Todtenhausen mit 75 Milligramm pro Liter. Harald Gülzow sieht das Problem in der Landwirtschaft: „Unsere Messungen belegen, dass die hohen Belastungen in landwirtschaftlichen Gebieten liegen. Dazu gehört auch der Weinbau und der Freilandgemüseanbau. In Bereichen mit überwiegend privaten Gärten sind die Nitratkonzentrationen im Grundwasser in der Regel wesentlich geringer.“ Das geht auch aus dem NRW-Nitratbericht des Landes hervor. Demnach sind die Nitratwerte vieler Regionen Nordrhein-Westfalens in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Laut Bericht waren vor allem landwirtschaftlich intensiv genutzte Gebiete betroffen.

„Acht Brunnen aus dem Mindener Raum wiesen Nitratwerte oberhalb der 50 Milligrammgrenze auf." Harald Gülzow, Pressesprecher des VSR-Gewässerschutz.

„Acht Brunnen aus dem Mindener Raum wiesen Nitratwerte oberhalb der 50 Milligrammgrenze auf.“ Harald Gülzow, Pressesprecher des VSR-Gewässerschutz.

„Viele private Brunnen sind nicht ausreichend tief gebaut, um Grundwasserschichten zu erreichen."   Dr. Peter Witte, Amtsleiter des Gesundheitsamtes Minden-Lübbecke.

„Viele private Brunnen sind nicht ausreichend tief gebaut, um Grundwasserschichten zu erreichen.“
Dr. Peter Witte, Amtsleiter des Gesundheitsamtes Minden-Lübbecke.

Gesundheitsamt sieht Messwerte kritisch

Ganz so kritisch sieht es das Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke nicht. Was das Amt kritisch sieht, ist eher die vergangene Informationsveranstaltung des VSR-Gewässerschutzes. „Die Informationsveranstaltung des Gewässerschutzes ist kritisch zu sehen, da der Verein kein akkreditiertes Labor betreibt und die Werte damit nicht den Anforderungen der Trinkwasserverordnung entsprechen. Zumal die Probeentnahme durch Privatpersonen fehleranfällig ist“, sagt Dr. Peter Witte, Amtsleiter des Gesundheitsamtes Minden-Lübbecke. Offizielle Trinkwasseruntersuchungen dürften nur ausgebildete Probennehmer vornehmen. Darüber hinaus sei bei privaten Brunnen nicht sichergestellt, ob es sich um Tiefenwasser handelt oder um Oberflächenwasser. Letzteres könne durch oberflächliche Einflüsse erhöhte Nitratwerte aufweisen. „Viele private Brunnen sind nicht ausreichend tief gebaut, um Grundwasserschichten zu erreichen, wie sie für den Einsatz als Trinkwasser benötigt werden“, ergänzt Witte. Die bei der Aktion gemessenen Werte dienten also lediglich dazu, die Privatbesitzer über eine mögliche Gefährdung zu informieren. Außerdem seien Trinkwasserbrunnen anzeigepflichtig beim Gesundheitsamt und würden jährlich von einem akkreditierten Labor untersucht. Das Trinkwasser unserer Region ist laut Witte nicht gefährdet und qualitativ weiterhin gut.

„Grundwasserkörper mit einem hohen Anteil an Acker- und Grünlandflächen und intensiver landwirtschaftlicherNutzung sind von einem erhöhten Nitratwert betroffen.“ Dr. Beatrix WallbergDr. Beatrix Wallberg, Amtsleiterin des Umweltamtes Minden-Lübbecke.

„Grundwasserkörper mit einem hohen Anteil an Acker- und Grünlandflächen und intensiver landwirtschaftlicherNutzung sind von einem erhöhten Nitratwert betroffen.“
Dr. Beatrix WallbergDr. Beatrix Wallberg, Amtsleiterin des Umweltamtes Minden-Lübbecke.

Überarbeitung der Düngeverordnung gefordert

Dr. Beatrix Wallberg räumt aber ein: „Grundwasserkörper mit einem hohen Flächenanteil an Acker- und Grünlandflächen und intensiver landwirtschaftlicher Flächennutzung sind von einem erhöhten Nitratwert betroffen.“ Die Amtsleiterin des Umweltamtes Minden-Lübbecke weist zusätzlich auf die freiwilligen Kooperationsvereinbarungen zwischen Wasserversorgern und Landwirtschaft hin und bestätigt die Aussage ihres Kollegen Dr. Witte, dass im Kreisgebiet derzeit keine Gefährdung für das Trinkwasser durch die vorhandenen Nitratbelastungen bestehe. Von entscheidender Bedeutung sind nach Einschätzungen des Kreises die Umsetzung landwirtschaftlicher Einzelmaßnahmen in belasteten Gebieten und eine zeitnahe Überarbeitung der Düngevorordnung.

„Unser Grundwasser ist etwa 25 bis 70 Jahre alt. Daher könnte die Nitratbelastung auch aus früheren Zeiten kommen.“  Rainer Meyer, Kreislandwirt.

„Unser Grundwasser ist etwa 25 bis 70 Jahre alt. Daher könnte die Nitratbelastung auch aus früheren Zeiten kommen.“ Rainer Meyer, Kreislandwirt.

Wasserkooperation Minden-Lübbecke um Grundwasserqualität bemüht

Der Kooperation Landwirtschaft-Wasserwirtschaft Minden-Lübbecke gehört auch Kreislandwirt Rainer Meyer an. Er bezweifelt, dass der Nitratgehalt im Kreis gestiegen ist, sondern sieht eher einen Rückgang. Vor allem aber habe es seit der Wasserkooperation, die 1993 ins Leben gerufen wurde, eine positive Entwicklung in den entscheidenden Brunnen gegeben. „Das Grundwasser bildet sich innerhalb von sieben bis acht Jahren, manchmal auch innerhalb von 100 Jahren. Unser Grundwasser ist etwa 25 bis 70 Jahre alt. Daher könnte die Nitratbelastung auch aus früheren Zeiten kommen“, erklärt Meyer. Seit Jahren arbeite die freiwillige Kooperationsgemeinschaft daran die Grundwasserqualität zu verbessern und die Belastung durch Nitrat zu verringern. So zum Beispiel durch einen Zwischenfruchtanbau. Dieser soll verhindern, dass Nitrat in den regenreichen Wintermonaten ausgeschwemmt wird und in das Grundwasser gelangt. Die Zwischenfrucht nimmt das vorhandene Nitrat aus dem Boden auf und kann weiterverwertet werden. „Jede Pflanze benötigt Nitrat zur Eiweißgewinnung und zum Wachstum“, erklärt der Landwirt. Ähnlich sieht auch es Horst Idelberger, Fraktionssprecher der Grünen: „Die Wasserwerke kooperieren mit der Landwirtschaft, damit nicht zu viel Nitrat ins Grundwasser gelangt. Da haben wir in unserer Region wirklich Fortschritte gemacht. Minden ist da gut aufgestellt.“ Trotzdem sieht er das Problem generell bei der Landwirtschaft, speziell in der Massentierhaltung. Die Verbraucher müssten zukünftig ihr Verhalten ändern, insgesamt weniger Fleisch essen und wenn, dann aus ökologischer Landwirtschaft. So könne jeder einzelne seinen Beitrag zum Gewässerschutz leisten.

„Die Wasserwerke kooperieren mit der Landwirtschaft, damit nicht zu viel Nitrat ins Grundwasser gelangt. Minden ist da gut aufgestellt.“ Horst Idelberger, Fraktionssprecher der Grünen.

„Die Wasserwerke kooperieren mit der Landwirtschaft, damit nicht zu viel Nitrat ins Grundwasser gelangt. Minden ist da gut aufgestellt.“ Horst Idelberger, Fraktionssprecher der Grünen.