Handel im Wandel

Handel im Wandel

Händler im Mühlenkreis weisen die stärksten Umsatzeinbußen in OWL auf

Vergnügt die Fußgängerzone hinunterschlendern, durch die Geschäfte bummeln. Hier die Röhrenjeans anprobieren, dort den schicken Flachbildfernseher testen. Ein Plausch mit der netten Verkäuferin. Eine Selbstverständlichkeit für Kunden. Nicht mehr selbstverständlich ist es, dass Kunden zu Käufern werden. Bücher, CDs, Schuhe – immer mehr Menschen kaufen ihre Produkte im Internet. Der boomende Online-Handel ist eine ernsthafte Bedrohung für den stationären Handel – auch in Minden-Lübbecke.

Vor kurzem hat der Handelsverband Ostwestfalen-Lippe die Umsatzzahlen des Einzelhandels in OWL fürs Jahr 2014 präsentiert. Die gute Nachricht: Die deutsche Wirtschaft floriert. Von den günstigen Bedingungen profitiert auch der Einzelhandel mit einem Plus von 1,9%. Die schlechte Nachricht: Der Online-Marktanteil am Einzelhandel wächst und wächst, die Ladengeschäfte in Kleinstädten und Mittelzentren stehen gewaltig unter Druck. Die Digitalisierung schwächt den stationären Einzelhandel, offenbart die Jahresbilanz des Handelsverbandes.

Der Umsatz örtlicher, stationärer Einzelhändler in OWL liegt bei fast 11,1 Milliarden Euro für das Gesamtjahr 2014. Das entspricht einem Rückgang von -1,0% gegenüber dem Vorjahr. Der Kreis Minden-Lübbecke weist die stärksten Umsatzeinbußen auf: Hier setzten die Einzelhändler 1,7% weniger um als im Vorjahr 2013. Minden als Schlusslicht. Dr. Axel Berger, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Minden beim Handelsverband OWL, weiß um die Probleme: „Minden ist nicht die einzige Stadt, deren stationärer Einzelhandel unter dem elektronischen Handel leidet, das ist ein deutschlandweites Problem. Viele kaufen direkt im Internet. Manchmal findet aber auch ein ‚Beratungsklau‘ statt, der Kunde lässt sich im Geschäft bis ins Eff-Eff beraten und kauft das Produkt dann im Internet.“ Eine Trendumkehr für die nahe Zukunft erwartet Dr. Berger nicht, denn „der Onlinehandel wird weiterhin starke Wachstumsraten erkennen lassen“, meint der Geschäftsführer. „Sicher kann das Internet auf schnelllebige Einkaufstrends schneller reagieren als der Händler vor Ort. Die Geschäfte in Minden arbeiten aber an Konzepten, um den digitalen mit dem stationären Handel zu verbinden und Nutzen aus dem Wandel zu ziehen. Das beinhaltet natürlich einen enormen Aufwand. Ich bin auch weiterhin der festen Überzeugung, dass sich guter Service bezahlt macht. Durch Beratung vor Ort kann man Kunden nicht nur binden, sondern auch neue hinzugewinnen“, glaubt Dr. Berger, dass der stationäre Einzelhandel den Kopf nicht in den Sand stecken muss.

Die starken Umsatzeinbußen des Mindener Einzelhandels sind nicht allein auf die Digitalisierung zurückzuführen. Handel lebt grundsätzlich von einem „gedeihlichen Umfeld“, wie es in der Jahresbilanz des Handelsverbandes OWL heißt. Ein attraktives Umfeld, vielfältige Dienstleistungs- und Freizeitangebote sowie eine gute Erreichbarkeit seien wesentliche Voraussetzungen für die Wettbewerbsfähigkeit des stationären Einzelhandels – und auch in OWL unabdingbar. Viele Attribute, die Minden nicht wirklich auf sich vereint. Die Probleme sind bekannt. „Leider haben wir in Minden markante großflächige Leerstände. Auch in 1A-Lagen. Die sind zwar nicht gefährdet und weiterhin begehrt, der Stadt fehlt es jedoch am Drumherum, an Geschäften an der Peripherie“, so Dr. Berger. Das Wesertor-Projekt, ein Elektronikfachmarkt, eine attraktivere Obermarktpassage würden die Gesamtattraktivität der Innenstadt deutlich aufwerten und vermutlich auch die Umsätze kleinerer Geschäfte in die Höhe schnellen lassen. „Solche Frequenzbringer würden der City gut zu Gesicht stehen und den Handel stärken“, äußert Berger hehre Wünsche für die Zukunft. Die malt er übrigens nicht so schwarz wie manch Einheimischer – Onlinehandel hin, Leerstände her. „Der stationäre Einzelhandel wird auf jeden Fall weiter Bestand haben. Das ‚Erlebnis Einkauf‘ ist durchs Internet nicht zu ersetzen. Irgendwann wird sich der Wettbewerb zwischen digitalem und stationärem Handel einpendeln. Wenn dazu dann noch die auffälligen Leerstände in der Innenstadt behoben werden, wird sich auch der Einzelhandel in Minden erholen“, hofft Dr. Berger.